Marvel's Avengers: Hinter den Kulissen - Travis Willingham/Thor

Der Donnergott spricht mit uns über sein Vorsprechen für das Spiel, Einschlafen im Motion-Capturing-Anzug und einen seiner peinlichsten Momente an einem Set…
Von Duncan Heaney

Angesichts dessen, dass er bereits ein knappes Jahrzehnt lang den Thor in Animationsfilmen und Videospielen verkörpert, sollte man eigentlich erwarten, dass Travis Willingham fest für diese Rolle in Marvel's Avengers gesetzt war. War er aber nicht.

Der Schauspieler musste nicht nur für seine Rolle vorsprechen, er musste den Charakter auch auf eine Weise zu Leben erwecken wie nie zuvor. Doch diejenigen unter euch, die das Spiel bereits erlebt haben, wissen - er hat das auf eine Art getan, die dem wahren Prinzen von Asgard würdig ist. Er hat es zum Glück ganz schön krachen lassen.

Wir sprachen mit Travis darüber, wie es war, die Rolle zu bekommen, welche Gefahren zerstörbare Requisiten bergen und warum Motion-Capturing einen gefährlich müde machen kann…

Hallo Travis. Wie hast du reagiert, als du zum ersten Mal von Marvel's Avengers erfahren hast?


Als ich hörte, dass das Spiel gemacht wird, war mein erster Gedanke: "Oh Gott, ich hoffe, dass ich dafür vorsprechen darf!"

Dann fand ich heraus, dass Shaun Escayg, der Creative Director des Spiels, auch mit Laura (Bailey, Willinghams Frau und Black Widow in Marvel's Avengers) bei Uncharted: The Lost Legacy zusammengearbeitet hatte - und von dieser Arbeit war ich ein richtig großer Fan. Ich wusste, dass er ein Director ist, mit dem Schauspieler gerne arbeiten, also wollte ich auf jeden Fall ein Teil des Ganzen sein.

Aber als jemand, der Thor so oft gespielt hat, musst du doch automatisch im Rennen gewesen sein, oder?


Tatsächlich musste ich vorsprechen wie jeder andere auch!

Ich kam rein und war so drauf: "Hey, Shaun, Bruder, weißt du ja, ich bin dein Mann. Ich spiele Thor seit 2011, ich hab's drauf."

Und Shaun sah mich einfach an und meinte: "Soll er etwa so klingen?" Und ich dann: "Nein, warte, ich fang nochmal von vorne an!" (lacht)

Wie lief dieser Akt des Vorsprechens?


Das eigentliche Vorsprechen fand auf der Motion-Capturing-Bühne in Santa Monica statt, wo die meisten der Zwischensequenzen gefilmt werden. Im Endeffekt ist das ein großes Viereck und das kann einen schon ein bisschen einschüchtern, weil es sich nur um einen leeren Raum handelt - Requisiten oder sowas gibt's da nicht.

Es gibt einen Tisch für den Director und die Produzenten, und in meinem Fall hatten sie noch einen weiteren Schauspieler als meinen Dialogpartner. Aber abgesehen davon ist man ganz auf sich gestellt - kein Hammer, kein gar nichts.

In dieser Hinsicht ist das so ähnlich wie am Theater. Das liebe ich wirklich am Motion-Capturing - es ist so nah am Theater wie nur irgendwas, ohne die Limitierungen reiner Sprachaufnahmen und mit mehr Freiheit, als manche Menschen vor der Kamera haben.

Also ja, ich habe für Thor vorgesprochen - und auch für ein paar andere Charaktere. Sie haben mich gefragt, ob ich auch was anderes versuchen wolle, aber Thor passt einfach so gut.

Und diesmal war es auch ganz anders und neuartig, ihn zu spielen.

In welcher Hinsicht?


Am denkwürdigsten an dem Ganzen war, den Charakter tatsächlich auf seine Beine zu stellen, wie wir so sagen.

Man kann Sprachaufnahmen im Stehen oder Sitzen machen, aber normalerweise ist man auf den Ort beschränkt, wo sich das Mikrofon befindet. Ich konnte diesen Charakter physisch verkörpern, Schritte mit ihm gehen, Mjölnir schwingen… Einfach die ganze Zeit dieser Charakter sein, und das nicht nur über meine Stimme.

War das befriedigend für dich?


Ja, das ist ein bisschen, wie wen das Blut in einen Körperteil zurückströmt, der eine Weile lang taub war. Als ein Synchronsprecher lernt man, alles auf bestimmte Dinge zu fokussieren, die man mit seiner Stimme machen kann. Dieses Vorgehen aufzubrechen und mit dem ganzen Körper den Charakter und das, was er durchmacht, darzustellen, ist unheimlich spannend.

Das war wirklich, wirklich etwas Besonderes. Ich will nicht lügen, aber ich glaube, ich habe mich sogar zwischen den Aufnahmen an Mjölnir festgehalten.

Du hattest einen echten Mjölnir am Set?


Ja, der Hammer war da! Das war tatsächlich eine Überraschung, weil Motion-Capturing schon sehr minimalistisch sein kann - man will nicht die Sicht einer der Kameras oder Sensoren blockieren.

Ich dachte, sie geben mir nur einen PVC-Griff mit Klebeband und zwei Tennisbällen dran, damit ich mir ihn nicht wie ein dämlicher Schauspieler ins Gesicht ramme (lacht).

Aber ich war wie elektrisiert, als ich reinkam und sie da eine Nachbildung von Thors Hammer hatten. Ich hatte also wirklich etwas, das ich schwingen und herumwirbeln konnte.

Und ich freue mich, berichten zu können, dass ich die Hammer-Requisite nicht einmal zerdeppert habe.

Was? Hätte das passieren können?


Oh ja. Es gab da einen Vorfall bei einem Star Wars-Spiel, wo sie Lichtschwert hatten, das extra für meinen Charakter neu designt worden war. Man hatte es akribisch 3D-gedruckt, und sie hatten mich sogar gewarnt, dass es das einzige sei, das sie hätten.

Ich habe es bestaunt, und ich spielte zwischen den Aufnahmen damit herum, so wie ich das mit Mjölnir gemacht habe. Ich hab's herumgewirbelt. So macht man das nun mal mit Lichtschwertern - man gibt vor, damit zu kämpfen.

Das hab ich vielleicht vier Minuten gemacht, bevor es mir aus der Hand rutschte, auf den Boden fiel und in drei Stücke zerbrach. Alle am Set hielten den Atem an und die Typen meinten nur: "Hast du den Teil mit dem 'es gibt nur eines davon' nicht mitbekommen?"

Also ja, ich kann erleichtert sagen, dass das nicht mit Mjölnir passiert ist. Ich habe den Hammer nicht kaputt gemacht.

Du hattest ihn sicherlich die ganze Zeit in deiner Obhut, oder?


Die meiste. Er lag neben meinem Mittagessen, kam mit mir auf die Toilette - und wenn das die Leute nicht dazu bringt, die Finger davon zu lassen, dann weiß ich auch nicht.

Ich hätte fast mal Sandra Saad (Kamala Khan) dabei erwischt, wie sie ihn sich nehmen wollte, als ich gerade nicht hinsah. Und ich meinte: "Da weißt, dass das deiner Figur nicht möglich ist. Du kannst ihn nicht nehmen, also fall nicht aus deiner Rolle, ja?" (guckt pseudo-bedrohlich)

Nun, als wir mit Sandra sprachen, sprach sie von einer lehrreichen Erfahrung mit dir…


(lacht) Weißt du, es war schon irgendwie irre, die Parallelen zwischen dem Spiel und dem wirkliche Leben zu sehen, als Sandra ans Set kam. Sie hatte bis dahin an keinen großen Videospielen gearbeitet, und es war eine große Rolle für sie. Es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie wusste, wer wir waren; das ist nicht immer so.

Synchronsprecher und Videospieldarsteller haben eine gewisse Berühmtheit, aber sie sind nicht allgemein bekannt. Normalerweise geht im Laden niemand auf einen zu.

Aber sie war so: "Oh Wahnsinn, du bist Nolan North, du bist Troy Baker, du bist Travis - das ist der Hammer!" Sie hatte so viele Fragen und dieselbe Sorte Enthusiasmus und Überschwang wie Kamala im Spiel.

Diese Art auf der Bühne und im echten Leben zu sehen, war wirklich irre.

Wie unterscheidet sich diese Version von Thor von den anderen, die du schon gespielt hast?


Genau die Frage habe ich auch gestellt, als wir ans Set kamen. Was man als Erstes bei einem Projekt von solcher Größe erfahren will - als Schauspieler ebenso wie als Marvel-Fan - ist, wie sich die Geschichte gestaltet, die man erzählt. Wie sehen die Charaktere aus? Wie lange ist die Truppe schon zusammen? Sollte man Rivalitäten erwarten wie die zwischen Thor und Hulk?

Wir waren überrascht und erleichtert, dass hier ein frischer Ansatz für die Charaktere verwendet wird. Sie waren als Team zusammen, hatten ein bisschen Erfolg, die Welt ein paar Mal gerettet, sind gerade am Feiern. Die Charakterdynamiken sind ziemlich einzigartig im Vergleich zu dem, was man früher schon erlebt hat.

Tony Stark und Steve Rogers interagieren auf unterschiedliche Weise, und auch die Beziehung zwischen Tony und Thor ist anders - sowohl in ihrer Rolle als Teammitglieder, wie in der als Freunde. Aber auch in puncto Führung der Avengers. Das ist einmalig für das Publikum.

Woran liegt das, dass diese Version des Charakters funktioniert?


Ich habe sowas wie eine Shakespeare-Wählscheibe für Thor, mit einer 10, die ungefähr so geht: "Sapperlot, fürwahr gebiete ich dir, dem Hammer von Thor das Knie zu beugen!" und all sowas. Glücklicherweise steht sie hier bei einer 6,5, würde ich sagen. Thor passt immer noch nicht richtig in diese Midgard-Dimension, er versucht immer noch, dieses Geschwafel zu lernen und kann mit einigen Witzen nichts anfangen.

Thors Charme kommt auch daher, dass man diesen Adonis von einem Mann sieht, der scheinbar alles kann, mit unglaublicher Kraft bis in die Fingerspitzen - und wie er mit den simpelsten Sachen kämpft, mit denen Sterbliche keine Probleme haben. Die Entwickler haben also tolle Arbeit dabei geleistet, seinen Charme aufrecht zu erhalten, und wie er versucht, seinen Weg durch die Welt zu finden.

Aber sie haben auch einiges klassisch Thor-mäßiges beibehalten. Ein paar "Hurra" oder "Sapperlot" könnten da schon vorkommen.

Der Charakter besitzt eine faszinierende Mischung aus Arroganz und Demut. Wie hast du das bei deinem Schauspiel ausbalanciert?


Ja, das ist witzig - das ist so eine Art Gefühl. Du liest das Skript, wenn du es bekommst, und wenn du das dann probst und hörst, wie andere ihren Part abliefern, dann ändert sich das ganz unvermeidlich.

Das verändert die Art, wie du antwortest, wie du dich selbst trägst - vieles hängt vom Energielevel der anderen Schauspieler ab.

Aber das Schauspiel wird wirklich davon getragen, wie die Szenen koordiniert sind und worauf du aus bist - was der Bogen des Charakters sein soll. Wir kennen die großen Konflikte - wie wird er darauf reagieren? Und was wird er letztlich lernen und daran ändern, wie er damit umgeht, damit er hoffentlich zum Ende hin sein Glück findet.

Bei Thor… er ist ein stolzer Typ. Tony auch, aber Thor zeigt nicht gerne Schwäche. Er spricht auch nicht gerne groß darüber.

Ich glaube also, dass es Thor hilft, wenn bestimmte Charaktere wie Kamala Khan kommen und unglaubliche eine Verletzlichkeit und Offenheit ihrer Gedanken zeigen. Er sieht ihre Vitalität und den jugendlichen Überschwang, während sie lebensbedrohliche Situationen angeht, und er lässt sich davon inspirieren.

Hat das körperliche Darstellen von Thor deine Wahrnehmung des Charakters oder dein Spiel verändert?


Was ich während der Aufnahmen erkannt habe, ist, wie die korrekte physische Interpretation von Thor aussieht.

Eigentlich klingt das nicht so schwierig, weil er groß ist, breite Schultern hat, wie ein kräftiger Typ aussieht. Das ist vorgegeben, oder? Aber wenn man dem Offensichtlichen verhaftet bleibt, statt eine interessante Wahl zu treffen, kann so eine Darstellung kraftlos sein.

Besonders bei Thor, wo selbst eine Verlagerung des Gewichts oder ein Haltungswechsel so wirkungsvoll sein können - wenn diese statuenhafte Figur einmal beginnt, Zeichen der Müdigkeit oder so zu zeigen, kann das einen echten Einfluss auf die Darstellung haben. Das also im Hinterkopf zu behalten und nicht die ganze Zeit an dieser Haltung des unbeugsamen, mächtigen asgardianischen Prinzen festzuhalten, war wichtig.

Was war der Aspekt, der dich beim Spiel von Thor am meisten belohnt hat?


Womit ich mit am meisten Spaß hatte, war, das Team vor die Herausforderung zu stellen, all die Fähigkeiten des Hammers einzubauen. Am liebsten an den Filmen mag ich, wenn Thor Mjölnir wirft und er in seine Hand zurückkehrt.

Ich erinnere mich an eine der frühen Aufnahmen mit Sandra - gleich am Anfang des Spiels. Das Skript verlangte nicht, dass Thor seinen Hammer beschwört, aber ich dachte, das wäre eine tolle Art, Kamala zu beeindrucken, vor allem, weil sie schon halb ausflippt, dass sie überhaupt mit Thor redet.

Jeder fand's gut, und ich fragte, wie wir das angehen wollen? Die Leute von der Bühne meinten im Endeffekt: "Halte einfach den Hammer, und harre so aus, als würdest du ihn fangen - wir setzen ihn einfach digital ein."

Aber ich meinte: "Das ist nicht gut genug, geht über euch hinaus! Ich will entweder, dass jemand den Hammer wirft und ich ihn fange, oder dass jemand ohne Anzug das Ding quer über die Bühne in meine offene Hand bringt."

Und natürlich haben wir das ein paar Mal probiert. Wie sich herausstellte, ist es wirklich schwer, einen schlecht austarierten, rotierenden Mjölnir mit dem Griff voran zu fangen, ohne darauf zu blicken, sobald er deine Hand berührt.

Letztlich hatten wir dann einen Typ, der richtig schnell über die Bühne lief und ihn direkt in meine Hand legte, und ich ging ganz dann schnell weiter, ganz so, als wäre nichts passiert. Diese Sachen zu erleben, war es also wirklich wert (lacht).

Es dürfte also ein paar Outtakes geben…


Es gibt ganz sicher welche. Außer der Mjölnir-Attrappe hatten wir auch einen Schaumstoffhammer, aber den haben wir nicht so oft verwendet. Wenn also Pannen passierten, dann betrafen sie den harten, schweren Hammer. Was sie noch besser machte (lacht).

Abgesehen von fliegenden Hämmern - gab es noch andere Herausforderung beim Motion-Capturing?


Hier ist ein kleines Geheimnis über Motion-Capturing, besonders auf der Bühne in Santa Monica. Du streifst den Anzug über, der ist aus Lycra - in ein paar Bereichen um die Gelenke herum atmungsaktiv, aber eine Hitzefalle. Und was für eine.

Du hattest also dein Frühstück, das Blut schießt in deinen Magen, der es zu verdauen versucht, und du steckst im Endeffekt in einer Art Kuscheldecke, und wirst dann doch hie und da ein wenig schläfrig.

Wir haben deshalb das Ritual, dass wir zehn Liegestütze vor jeder Szene machen, damit das Blut in Fahrt kommt und du nicht in diesem wandernden Teppich von einem Anzug einschläfst.

Wo das Spiel nun veröffentlicht ist - bist du überrascht von dem, was du davon gesehen hast?


Mich hat mal jemand gefragt, ob es ein Spiel für mich schlechter macht, wenn ich als Sprecher all die Texte schon kenne und weiß, wo die Story hingeht. Meine Antwort war, nein, in keiner Weise. Ehrlich.

Weil du bis dahin nur das kennst, was du dir selbst vorgestellt hast. Und was ich mir vorstelle, ist wahrscheinlich anders als das, was sich all die anderen Schauspieler vorstellen.

Und es ist fast nie auch nur in der Nähe von dem, was letztlich in der finalen Version des Spiels zu sehen ist. Explosionen, dramatische Kamerawinkel, manchmal sind die gesprochenen Zeilen da, mal haben sie irgendwas verändert - es ist wild.

Das ist das Schöne und Witzige am Motion-Capturing. Du gehst auf ein leeres Set und musst dir vorstellen, dass da drüben eine Plattform ist, da hinten ein Auto, dort Leute, die bewusstlos um einen herumliegen - solche Dinge. Dann ereignet sich in der Ferne diese eingebildete Explosion und du musst deinen besten Superhelden-Blick abliefern (lacht).

Das fühlt sich seltsam und billig an, aber dann zahlt es sich aus, wenn man das Spiel sieht und alles episch und aufregend aussieht. Das ist es wirklich wert.


Ihr könnt sehen - und spielen -, wie Travis Willingham den Thor interpretiert, und zwar in Marvel's Avengers, das jetzt auf PS4, Xbox One, Steam und Stadia erhältlich ist.

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